Süddeutsche Zeitung - Feuilleton NRW, Sa. 26.1.2002

"Hellweg Suite" in Unna
Auf der Landstraße

des Beginns zurück. Mitunter schwellen alle Stimmen in rasantem Spiel zu einem Klangblock an, der sich zerteilt, just bevor er zu gewaltig wird. Anspannung, Entspannung und wieder Anspannung - in diesem Rhythmus atmet die Musik.
Die gelernte Goldschmiedin, Kulturpädagogin und an der Folkwang-Hochschule ausgebildete Musikerin ließ sich von Orten und Blicken inspirieren: darunter die Stiftsruine Lippstadt, die modernen Glasfenster der Soester Kirche St. Patrokli und das Felsenmeer in Hemer.
Das erweiterte Quartett "Caligari", dem Claudia Anthes selbst angehört, spielt ausschließlich Eigenkompositionen, meist aus Anthes' Feder. Ihre Suite nun scheint wie von einem Zauberstab berührt - magische Momente lösen einander ab. Sanft tönen die Klangschalen in "Eos", Eulen-Schreie scheinen durch die "Kathedralenruine" zu hallen.

Allmählich erst steigern sich die Musiker in einen Drive hinein, der die drohende Gefahr esoterischer Entrückung bannt. Dazu gesellt sich eine Stimme, die bald wie körperlos über den wabernden elektronischen Klängen zu schweben scheint. Irmela Stadlers Gesang lässt in den "Spuk" einer akustischen Geisterbahnfahrt Töne knarrender Türen und hohes Gelächter einbrechen.
Angelika Niescier (Saxophon), Claudia Anthes (Klavier), Alexander Morsey (Bass), und Holger Naust (Schlagzeug) bilden eine bemerkenswerte Einheit, in die sich Christoph Hillmann (Perkussion/Elektronik) und Irmela Stadler (Gesang) ideal einfügten. Niescier, Förderpreisträgerin der Stadt Düsseldorf, und der ebenfalls mehrfach ausgezeichnete Morsey trumpfen gar mit virtuosen Soli auf. Hell scheint er wieder, der Hellweg.

ANKE DEMIRSOY

Unna. Aus dem Dunkel des Mittelalters tauchte der Hellweg auf. Einst bezeichnete er die großen Landstraßen, Heer- und Königswege, im Laufe der Geschichte verlor der stolze Name jedoch an Glanz: Anfang des 19. Jahrhunderts war der westfälische Hellweg nurmehr die Kommunalstraße von Dortmund über Körne nach Unna. Heute steht er für eine Kulturregion, der die in Soest lebende Jazzpianistin und Komponistin Claudia Anthes ihr jüngstes Werk widmet: die jetzt in Unna uraufgeführte "Hellweg Suite".
Anthes hat keine Landschaftsmusik komponiert, sondern sechs Stücke, die zwischen kammermusikalischem Jazz und Neuer Musik changieren. Wohlfühl-Passagen, die ins Land der Träume abtauchen lassen, schrauben sich in die Höhe und kehren in einem Bogen zur Atmosphäre