Feuilleton - Westfälischer Anzeiger, Hamm, Fr. 25.1.2002

Zwerge, Ruinen Höhlen
MUSIK .
Die Jazz-Komponistin Claudia Anthes hat eine "Hellweg Suite"
geschrieben. Nach der Uraufführung in Unna folgen Konzerte in der Region

Von Elisabeth Elling
UNNA. Am Anfang ein Staunen: Helle, intensive Töne, mikrofeine Schwankungen. Christoph Hillmann hat mit einem Holzstab an Klangschalen gerieben, und sie singen. Claudia Anthes setzt am Klavier ein, erkundet filigrane Linien, ordnet sie zu Ornamenten. Die spätromanischen Ausmalungen der Soester Hohnekirche (St. Maria zur Höhe) haben die Komponistin gefesselt. Der erste Satz ihrer "Hellweg Suite" teilt ihre Beobachtungen und Assoziationen mit. Das zarte Geflecht wird bald von groovenden Patterns unterfüttert, die sich in kraftvolle Improvisationen auflösen (Bass: Alexander Morsey, Percussion: Hillmann). Synkopierende Rhythmen mittelalterlicher Spielleute klingen an.
Im Nicolaihaus in Unna, in der Internationalen Komponistinnenbibliothek, wurde Anthes' ambitionierte, von Jazz und Minimal-Music-Elementen bestimmte Komposition uraufgeführt. Sieben weitere Konzerte entlang des Hellwegs folgen.

Duett über Kirchenfenster

Anthes' Musik ist zugänglich anschaulich und streckenweise zauberhaft schön. Etwa in dem Satz "Heliodor" über Hans Kaisers moderne Glasfenster in der romanischen Soester Patrokli-Kirche, einem Duett für Klavier und Bassklarinette (Angelika Nisier). Die dichte, licht flimmernde Textur der Klavierstimme - ein gemächliches Auf und Ab, vielleicht der Lauf der Sonne - wird grundiert vom ruhigen, erdigen Atem des Blasinstruments.

Von Orten und Geschichten ließ sich die in Soest lebende Musikerin inspirieren. Ihre sechs Programmstücke erschließen ein vielfältiges Vokabular, mit dem sie ihre Wahrnehmungsweisen offen legt, statt sie zu verrätseln. Entsprechend gelöst spielt das Quartett Caligari (neben Anthes, Niscier und Morsey noch Schlagzeuger Holger Naust), das von der Vokalistin Irmela Stadler sowie dem Perkussionisten und Klangtüftler Christoph Hillmann verstärkt wird.

Ensemble Caligari und Gäste. 
Foto: Westfälischer Anzeiger, Peloso

Die Pianistin Claudia Anthes (vorn) komponierte die "Hellweg Suite", in Unna uraufgeführt mit Irmela Stadler (li.), Angelika Niescier (re.), Christoph Hillmann (o.li.), Holger Naust (Mi.) und Alexander Morsey. - Foto Peloso

bündelt - ein greller Kontrast zum tastenden Gestus des Satzes "Kathedralenruine".
Mit disparaten Mitteln nähert Anthes sich der Stiftsruine Lippstadt. Hillmann produziert flüchtige, verhuschende Geräusche. Diesen elektronischen, körperlosen Klängen und Stadlers gespenstisch ausgedünnter Sopranstimme setzt sie romantische Melodiefragmente entgegen. Illustriert eine verrutscht-polyphone Klavier-Passage die gotischen Gebäudereste? Am Ende nimmt eine Reprise die skelettierten Geräuschfetzen wieder auf.

31.1. Hamm (Kulturrevier Radbod); 1.2. Erwitte (Schloß Landsberg); 2.2. Fröndenberg (Kettenschmiede-Museum); 8.2. Soest (Burghofmuseum); 14.2. Hemer (Musikschule); 15.2. Schwerte (Rohrmeisterei); 17.2. Lippstadt (Stiftskirche Cappel)
www.hellwegsuite.de

Ein dramatisches Geschehen zeichnet der Satz "Moria" über das Felsenmeer Hemer nach. Anthes lehnt sich dabei an eine Sage von der Entstehung der bizarren Landschaftsformation an. Das Nibelungen-Idyll - eine beschwingte Ensemble-Strecke erzählt vom emsigen Werkeln der Zwerge - gerät aus den Fugen, das Saxofon transportiert die aufgebrachte Klage des Zwergenkönigs über das Chaos, das die Riesen angerichtet haben.
Soli und Unisono-Passagen von Sopran, Saxofon und Bass stehen im Zentrum des Satzes "Höhlenfeuer".
In "Spuk" vereint Anthes das Ensemble zu einer ironischer Grusel-Nummer: Von geisternden Kutschern, einer "Blauen Dame" und anderen irrlichternden Gestalten erzählen Sagen aus der Region.
Anthes lässt es kichern, raunen, hecheln und fiepen, bevor sie alle Stimmen zu einem schrägen Walzer